| Gunter Gabriels Wurzeln in Hannover | Die extrem niedrige Außentür scheint aus den Zeiten zu stammen, als der aufrechte Gang noch nicht die Regel war, und das Fenster ähnelt eher einer Durchreiche. Es war im Jahr 1958, als ein junger Mann mit dem Nachnamen Caspelherr dieses wenig einladende, aber kostengünstige Domizil an der Vahrenwalder Straße 198 erwählte. Geld hatte er nicht, aber Ideen ohne Ende – und Bücher von Schopenhauer und Kafka, die er regelrecht verschlang. Der Kopf war voller Musik: Elvis, Rock’n’Roll und alles, was zwischen Tom Dooley und Tutti Frutti liegt. Das Arbeiterkind, um das es hier geht, sollte später unter dem Namen Gunter Gabriel berühmt und zuweilen auch berüchtigt werden. Wenig bekannt ist, dass in Hannover viele seiner Wurzeln liegen. | Die zehn Jahre in der Großstadt am Hohen Ufer waren Jahre des Umbruchs. Seine Kindheit im ostwestfälischen Bünde „hatte mit Zuckerschlecken so viel zu tun wie das Haus Windsor mit Arbeit“, sagt Gunter Gabriel im Gespräch mit der Hannoverschen Wirtschaftszeitung mit bitterem Sarkasmus. Als er vier Jahre alt war, starb die Mutter. Mit 14 musste er die Volksschule beenden. Der Vater wollte es so. Geld war knapp, mehr Schule war nicht drin. Gunter machte eine Schlosserlehre, seine Gitarre war schon in der Fabrik stets dabei.
Der Ziele wegen
Nach Hannover kam Gunter Gabriel der festen Ziele wegen. Er wollte dem Vater zeigen, was wirklich in ihm steckte, das Abitur nachmachen, studieren. Er jobbte, um über die Runden zu kommen. Zum Beispiel bei Hanomag, auf dem Bau, als Kabelträger beim NDR oder als Bierverkäufer. Und er klampfte in hannoverschen Clubs.
An der Vahrenwalder Straße, direkt neben Gunter Gabriels Wohnsitz, gab es damals die große Speditionsfirma Rüttger, deren Lastwagen des öfteren von ungebetenen nächtlichen Besuchern heimgesucht wurden. Oft wurden die Transportfahrzeuge mit aufgeschlitzten Planen aufgefunden. Das hörte auf, als der junge Mann als Wächter engagiert wurde. Übrigens ein Job mit Familienanschluss. Die Frau des Inhabers schloss ihn in ihr Herz und förderte ihn, wo sie konnte. „Von ihr habe ich erstmals gelernt, wie man sich benimmt“, erinnert sich der Interpret. Sonntags gab es in ihrem Hause Hausmusik. Da waren hannoversche Größen wie der Direktor der Hanomag zu Gast. Mittendrin Gunter Gabriel. Er saß am Klavier und intonierte Schuberts Winterreise.
Sein Freund Siegel
Mit seinem kleinen Fiat machte er sich damals auf nach München, um den damals 16-jährigen Ralf Siegel zu besuchen. „Den Wagen voller Songs“. Mit dem Bayern, der es inzwischen zu einem der wichtigsten deutschen Produzenten gebracht hat, ist Gunter Gabriel noch heute befreundet. „Ich hatte damals noch nichts drauf“, bekennt er, aber er hatte umso größeren Mut. An nahezu jedem Nachwuchswettbewerb nahm er teil, zum Beispiel in Hannovers Maschseegaststätten, und bei jedem Auftritt lernte er dazu. Gunter Gabriel lernte seine Frau kennen, die heute noch ebenso wie seine Ex-Schwiegermutter und seine Schwester in Hannover wohnt. Kindersegen kündigte sich an – und damals, „als ich noch richtig bürgerlich war“ wurde eben geheiratet. Von seiner Frau, die Gabriela heißt, entlehnte der Sänger seinen Künstlernamen.
Es folgen Hits
Gunter Gabriel wurd Songschreiber. Er schrieb für Juliane Werding, Frank Zander, Wencke Myhre, Peter Alexander, Karl Dall, die Schürzenjäger, Tom Astor und Johnny Hill große Hits. Mit seinen eigenen Songs, die alles andere als geschönte Welten besangen, sondern Schweiß, Frust, Tränen, die Tristesse des Lebens, eilte er von Erfolg zu Erfolg. Eigene Fernsehshow, Country- und Westerntourneen, Fernfahrer h.c., Goldene Kamera waren Meilensteine seiner Karriere. Doch dann ließen Unbesorgtheit und falsche Finanzberater ihn ins Bodenlose stürzen. Der Bundesligist der Musikszene fand sich 1984 unvermittelt in der 4. Kreisklasse wieder: „Ich war hilflos und ließ den Alkohol an mich ran – ungebremst. Ich hätte das Leben sonst nicht mehr ertragen“.
Er lebte in Wohnwagen. Standplätze waren an der Autobahn oder, drei Jahre lang, auf einem Schrottplatz in Hildesheim. Ein Jahr lang war das Ersatzteillager einer uralten Automobilwerkstatt an der Hamburger Allee 65 - 69 seine Heimat. Dort, wo sich heute ein Gebrauchtwagenhandel befindet, fielen ihm die besten Songs ein. Aber da wollte niemand mehr Gunter Gabriel, den Gestrauchelten und Verfemten, hören. Doch die deutsche Wende wurde auch zu seiner Wende. Nach dem Fall der Mauer erlebten seine Erfolgssongs wie „Komm unter meine Decke“ oder „Ohne Moos nix los“ in den östlichen Bundesländern eine rasante Renaissance. Endlich konnte der Star seine Schulden, unglaubliche fünf Millionen Mark abtragen. Gunter Gabriel kam wieder auf die Beine, und er blieb oben. Und da ist er noch heute.
Nach Hannover fährt er mindestens einmal im Monat. Seine Band „Nashville Playboys“ ist hier beheimatet. Besuche bei Ex-Frau, Schwiegermutter (90), Schwester oder Bekannten aus guten und schlechten Zeiten. Hannover, das ist für Gunter Gabriel mehr als nur Erinnerung. Hannover war lange Zeit seit Leben. Hier gab es Menschen, die ihm halfen, als er noch nicht berühmt war.
LL / 26.05.2004 | | Artikel drucken | Fenster schließen |
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